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AUSGABE 2017
WEINSTUBEN-GESPRÄCHE
Dr. Beátrice Durant zu Gast im 3. WEINSTUBEN-GESPRÄCH

Die Deutschen sind interessanter und liebenswürdiger als ihr Ruf

Die Kulturwissenschaftlerin Dr. Beátrice Durand hat das Alltagsleben der Deutschen und Franzosen erforscht und die Ergebnisse in ihrem Buch Die Legende vom typisch Deutschen zu Papier gebracht.
Dr. Bernd Bräuer unterhielt sich mit der Autorin, die auch Gast im 3. WEINSTUBEN-GESPRÄCH war, über ihre Arbeit.

Frau Durand, zum Gespräch: Rotwein oder Weißwein?
-Rot!

Sehen Sie Unterschiede im Wein-Trinken von Franzosen und Deutschen im Alltagsleben?
Auf jeden Fall. Die Deutschen trinken oft außerhalb der Mahlzeiten, die Franzosen dagegen immer beim Essen.

Sie haben den kulturellen Alltag von Deutschen und Franzosen erforscht. Gibt es denn da immer noch etwas zu entdecken?
Immer noch. Für Überraschung wird immer gesorgt, weil die Gesellschaften erfinderisch sind. Ich bin zum Beispiel gespannt, wie die beiden Gesellschaften jetzt auf die Frage reagieren werden, wer arbeiten soll / darf und wieviel. Oder wie man die Schule reformieren soll.

Ein Bild vom typisch Deutschen gibt es also immer noch in den Köpfen vieler Franzosen und vielleicht auch im Selbstbild vieler Deutscher?
Das Bild gibt es in der Tat und es ist leider nicht so schmeichelhaft, wo die Deutschen viel interessanter und liebenswürdiger sind als ihr Ruf.

Hand aufs Herz Frau Durand: Sind Sie nicht oft auch geneigt zu sagen, typisch deutsch oder typisch französisch?
Natürlich tue ich das. Dann wundern sich aber die Leute darüber, was mir an ihnen auffällt. Sie erkennen sich zwar in dem Porträt, hätten aber nicht gedacht, dass diese oder jene Eigenschaften „typisch“ für die Deutschen oder die Franzosen von heute sein könnten. Das sind eben die Überraschungen des Vergleichs.

Die Spannung in ihrem Buch erwächst auch daraus, dass Sie den Alltag von Deutschen und Franzosen vergleichend beschreiben, ohne zu werten. Überaus klar und deutlich sagen Sie aber, die Deutschen sind im Alltag ganz anders als Franzosen sich das vorstellen. Das gilt offensichtlich für viele Bereiche des Alltagslebens, besonders aber für Bereiche wie Arbeit, Freizeit und soziales Zusammenleben?
Ich fand zum Beispiel die Deutschen ausgesprochen gefühlsbetont, wo die Franzosen gerne etwas distanziert und immer leise ironisch sind.

Und Deutschland ist eine individualistische Gesellschaft geworden?
Das waren sie schon immer – und sehr früh, mit Ausnahme von einigen Epochen. Individualisten sind aber die Deutschen auf einer eigenen Art, die die Franzosen als solche überhaupt nicht erkennen können. Sie sind Individualisten im Sinne der Selbstfindung und der Selbstverwirklichung, nicht im Sinne des Trotzes wie die Franzosen.

Möglicherweise sind die Franzosen aber auch ganz anders als die Deutschen sie sehen?
Bestimmt gestresster und nicht so gutmütig, wie die Deutschen sie im Urlaub erfahren zu haben meinen.

Ihr Buch ist zur Leipziger Buchmesse 2004 erschienen. Die 1. und 2. Auflage waren schnell vergriffen, inzwischen ist die 3. Auflage erschienen. Auch in Frankreich war und ist ihr Buch ein großer Publikums- und Verkaufserfolg. Belegt das nicht, dass Deutsche und Franzosen, trotz oft geäußerter gegenteiliger Meinung, stark aneinander interessiert sind?
Es belegt auf jeden Fall, dass beide für Überraschungen zu haben sind.

Eine Frage zum Schluss: Ist es Legende oder Tatsache, dass auch Franzosen deutsche Weine gern trinken?
Es ist keine Legende!

Dr. Béatrice Durand, Jahrgang 1960, hat die Ecole Normale Supérieure in Paris absolviert. Sie lebt seit 1990 in Berlin. Sie hat in den USA gelehrt, in Deutschland unter anderem am Romanistik-Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Sie arbeitet zur Zeit als Gymnasiallehrerin in Berlin. In Frankreich ist ihr Buch unter dem Titel Cousins par Alliance. Les Allemands en notre miroir erschienen.

WEIN-Post, Nummer 12, BRÄUERMÜLLER: WEINE. 2005.